FOKUS INTERVIEW GEBÄUDESICHERHEIT 2018 hat die Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen, die ich präsidiere, vom Interkantonalen Organ zum Abbau Technischer Handelshemmnisse (IOTH) den politischen Auftrag für eine grundlegendere Revision erhalten. Der Brandschutz soll das gleiche Sicherheitsniveau erreichen wie andere Risiken des täglichen Lebens. Welche Risiken zum Beispiel? Genannt wurden etwa der Strassen- und Bahnverkehr oder der Schutz vor Naturgefahren. Wir haben zunächst einen Prozess aufgesetzt, um mit allen Stakeholdern die genauen Schutzziele zu definieren und sie 2020 politisch genehmigen zu lassen. Erst dann haben wir uns daran gemacht, die Vorschriften entsprechend anzupassen. An Neujahr ereignete sich in einer Bar in Crans-Montana eine Brandkatastrophe. Bald darauf wurde Kritik laut an der lauf enden Revision. Sie wurde in den Medien als «Lockerung» der Vorschriften BIOGRAPHIE LARS MÜLLI (*1973) ist seit sechs Jahren Präsident der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) und seit neun Jahren Direktor der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich. Der an der ETH Zürich ausgebildete Bauingenieur lebt mit seiner Familie in Zollikon ZH und war dort selbst 19 Jahre in der Feuerwehr. dar gestellt, als «Deregulierung». Haben die Kritiker da einen Punkt? Wenn man die Brandschutzmassnahmen erstmals auf klare Schutzziele ausrichtet, kommt es punktuell zu Erleichterungen und andernorts zu Verschärfungen. Daher kann ich diese Frage nicht mit Ja oder Nein beantworten. Für unterirdische Räumlichkeiten wurden die Vorschriften stark verschärft, weil solche Brandsituationen für die Feuerwehr enorm herausfordernd sind. Andererseits hat sich der Produkteschutz seit 2015 stark verbessert. Heizungen haben beispielsweise kaum noch Brandrisiken. So braucht es weniger Vorschriften, um die Sicherheit zu gewährleisten. Das kann man als Lockerung interpretieren. Man sprach viel darüber, dass der Kanton Wallis im Gegensatz zu den meisten Kantonen keine obligatorische kantonale Gebäudeversicherung hat. Was sind denn die Unterschiede zwischen Kantonen mit und ohne kantonale Gebäudeversicherung? Es gibt 19 Kantone mit obligatorischer Gebäu de - versicherung. In fast allen sind diese Institutionen auch hoheitlich für Brandschutz und Feuer zuständig, aber nicht in allen. Unabhängig davon gibt es aber in jedem Kanton eine kantonale Brandschutzbehörde. Spielte die Tatsache, dass der Kanton Wallis - anders als zum Beispiel Zürich - keine obligatorische Gebäudeversicherung hat, im Fall von Crans-Montana eine Rolle? Man kann sich auch als Kanton ohne obligatorische Gebäudeversicherung gut organisieren. Der Vorteil eines Gebäudeversicherungs-Kantons ist, dass der Versicherung alle Gebäude bekannt sind. Aber auch wir im Kanton Zürich haben nicht alle Bauentscheide vorliegen. Wenn wir nicht in ein Baubewilligungsverfahren involviert waren, müssen wir genauso auf die Gemeinde zugehen, um uns ein Bild von der Situation zu machen. Das hat keine Auswirkungen auf den Vollzug von Brandschutzvorschriften? Meiner Ansicht nach nicht. Vielleicht ist ein kantonales Amt für Feuerschutz etwas näher an der Politik, weil es direkt einem Regierungsrat unterstellt ist. Gebäudeversicherungen sind unabhängiger. Was sind denn die grössten Risiken und Fehler beim Brandschutz? Statistisch haben Sie das grösste Risiko, an einem Brand zu sterben, wenn Sie alt und einsam sind. Das ist weltweit so. Man zündet vielleicht eine Kerze an, wenn man schon müde ist, oder raucht im Bett und ist gleichzeitig geistig nicht mehr so fit wie ein junger Mensch. Um dem vorzubeugen, machen wir zurzeit eine Präventionskampagne gemeinsam mit der Pro Senectute. 6 IMMOBILIA / September 2026
Ist es generell gefährlicher im eigenen Heim als in einer Bar oder einem Club? Ja, die meisten Brände entstehen durch Alltägliches wie angebranntes Kochgut oder durch Adventskränze und Christbäume. Die Menschen sterben vor allem zu Hause. Der Brand von Crans- Montana ist eine grosse Ausnahme. Da war sehr vieles aussergewöhnlich, aber die Ermittlungen laufen ja noch. Brände entstehen oft auch beim Unkraut-Abbrennen, beim Grillieren oder im Umgang mit Bitumen auf Baustellen. Zunehmend beschäftigen uns auch Billig-Akkus, die über ausländische Billig-Online-Händler bestellt werden. Diese entsprechen nicht den Vorschriften? Selten. Auch bei E-Bikes und E-Trottinetts ist das ein Thema, wenn die Original-Akkus durch billige ersetzt werden. Das sind Feuer, die sehr rasch eine grosse Hitze entwickeln und die ganze Umgebung in Brand setzen. Das gefährlichste Haushaltsgerät DAS GEFÄHR LICHSTE HAUSHALTS GERÄT IST DER TUMBLER. ist übrigens der Tumbler. Wenn die Siebe nicht regelmässig gesäubert werden, wird es gefährlich. Generell sollten Sie den Tumbler nicht laufen lassen, wenn Sie nicht zu Hause sind. Was war der grösste Brand im Kanton Zürich, seit Sie Direktor der Gebäude versicherung sind? Das war 2018 der Baustellenbrand am Bahnhofquai in Zürich, bei dem mehrere historische Gebäude in Flammen aufgingen. Das erinnert an die Kirche Notre-Dame in Paris. Sind Baustellenbrände häufig? Sie sind nicht enorm häufig, aber sie machen etwa die Hälfte der jährlichen Schadenssumme aus, weil die Schäden typischerweise teuer sind. Was ist mit Pyrotechnik und Feuerwerk? Ich hatte vor dem 1. Januar noch nie von einem Indoor-Pyrobrand in der Schweiz gehört. Crans- Montana ist ein Ausnahmeereignis. Unter freiem IMMOBILIA / September 2026 7
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